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Über die Trennung von Mensch und Rolle.






Jeder kennt die Situation: Im wöchentlichen Meeting wird die Liste der überfälligen Aufgaben besprochen. Jemand konnte (wieder einmal) sein Commitment nicht einhalten. Die Enttäuschung ist bei allen zu spüren, aber niemand spricht es deutlich an. Wichtige Projekte verschieben sich und Lieferzusagen können nicht eingehalten werden.

Hinter der Prokrastination ("Aufschieberitis") können allerdings auch tiefere Gründe stecken als nur ein schlechtes Zeitmanagement. Es kann zum Beispiel sein, dass die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter sich überfordert fühlt, fachliche Defizite erkennt oder es gibt Herausforderungen im privaten Umfeld.

Trotzdem müssen die Spannungen angesprochen werden. Das erfordert allerdings einen vertrauensvollen Umgang im Team, der es jeder Person erlaubt, zu sagen, wenn sie etwas nicht leisten kann. Doch wie kann der Konflikt objektiv ohne Wertung angesprochen werden?

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, dann den Mensch von der Rolle zu trennen. Das verlagert das menschliche Thema auf eine abstrakte Ebene. Zum Beispiel, in dem man sagt: "Ich verstehe, dass ich in meiner Rolle als Marketingmanager diese Kampagne planen müsste. Da ich aber als Mensch eine besondere Herausforderung habe, kann ich diese Aufgabe nicht übernehmen." Es ist ein klares Statement ohne Rechtfertigung, mit dem die Teams umgehen können. Das Thema wird isoliert betrachtet und diskutiert. Wenn man in seiner Rolle bleibt, kann man lösungsorientiert agieren. Dann ist nur noch die Frage zu klären, wer die Aufgabe übernehmen kann.

Allerdings gibt es dann noch die private Seite, die in dem Meeting nicht diskutiert werden sollte. Diese Rolle übernehmen heute in den Unternehmen die disziplinarischen Vorgesetzten. In einigen Unternehmen ist es mittlerweile üblich, die fachliche und personelle bzw. disziplinarische Führung bzw. Verantwortung zu trennen. Bei uns haben wir die disziplinarische Führungskraft als "People Lead" bezeichnet. Und der People Lead ist auch eine Rolle mit der Verantwortung (accountability), sich um das Wohl bestimmter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kümmern.


Der People Lead setzt sich mit der jeweiligen Person auseinander und unterstützt sie in persönlichen Themen. Dabei stehen ihre Bedürfnisse als Mensch im Mittelpunkt. Eine der wichtigsten Fragen, die in diesem Kontext regelmäßig gestellt werden sollte, ist: "Was brauchst Du?" Oder "Was fehlt Dir?" Die Antworten auf diese Fragen sollten zu einem Maßnahmenplan führen, der die Person in ihrer Entwicklung unterstützt.


In vielen Unternehmen vermischt sich die Rolle des "People Leads" mit der Rolle des fachlichen Vorgesetzten, wenn beide Rollen von einer Person, dem Vorgesetzten, ausgeübt werden. Das führt manchmal dazu, dass man im Einzelgespräch immer wieder in fachliche Themen abschweift und das Menschliche zu kurz kommt.

Wirklich innovativ fände ich es, wenn sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre disziplinarischen Vorgesetzten selbst auswählen könnten. Das führt dazu, dass die "natürlichen Leader" in diese Rollen gewählt werden und sich im Unternehmen die am besten geeigneten Personen für diese Rolle qualifizieren. Die menschliche Führung, man könnte es auch internes Coaching nennen, würde sich also nicht mehr aus der Unternehmenshierarchie ableiten. Als “Spielregel” sollte dann allerdings sichergestellt sein, dass fachliche und persönliche Führung von unterschiedlichen Personen wahrgenommen werden. Die Teamleads und Abteilungsleiter übernehmen die fachliche Verantwortung und agieren mit den Teammitgliedern in ihren Rollen.


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